EINLEITUNG :

 

        Das A und O für den Latein Lernenden sind fundierte Kenntnisse der Formen-Lehre neben denen der Satz-Lehre, ohne die er das Latinum nie erreichen wird.

        Das Lateinische ist eine Deklinationssprache, das heißt, alle Wort-Arten wie Substantive (Hauptwörter), Adjektive (Eigenschaftswörter), Pronomina (Fürwörter) und Numeralia (Zahlwörter) werden in den verschiedenen Kasus (Fälle) dekliniert. Einzig das Adverb wird nicht dekliniert. Es hat eine feste unveränderliche Form im Positiv, Komparativ und Superlativ.

        Wie bereits erwähnt, ist das Lateinische eine Deklinationssprache. Die Deklination ist eine Untergruppe der Flexion; die andere Untergruppe ist die Konjugation. Flexion ist der Oberbegriff – Substantive, Adjektive, Pronomina und Numeralia werden dekliniert, Verben werden konjugiert.

        Eines muss man allerdings bei der Konjugation der Verben bedenken, was für den Lernenden sehr gut ist. Die Konjugationen sind sehr übersichtlich. Man arbeitet mit sogenannten Stämmen, an die die jeweiligen Konjugationsendungen der einzelnen Personen angehängt werden. Diese Endungen sind bei allen Personen in den verschiedenen Zeiten einheitlich, auch bei den unregelmäßigen Verben. Die Stämme sind noch das schwerste dabei, vor allem bei den analytischen (zusammengesetzten) Zeiten Perfekt, Plusquamperfekt, jeweils im Indikativ und Konjunktiv, sowie beim Futur II. Und : Das Lateinische besitzt keinen Konditional, wie er in den aus dem Lateinischen abgeleiteten romanischen Sprachen üblich ist. Dieser Umstand verwundert doch ein wenig. Der Konditional ist eine romanische Erfindung, die auch an der deutschen Sprache vorbeigegangen ist. Auch wenn es viele jetzt nicht glauben wollen, aber das Deutsche hat keinen eigenständigen Konditional in der Verb-Konjugation. Die sogenannten „würde-Formen“ sind keine Konditional-Formen, sondern stellen Konjunktiv II Präsens-Formen dar, besser bekannt als Konjunktiv Imperfekt-Formen, die zudem aufgrund der verschroben klingenden korrekten Konjunktiv Imperfekt-Formen nur ersatzweise geduldet werden.

        Sowohl die Deklinationen der vorgenannten Wort-Arten als auch die Konjugationen der Verben werden in diesem Kapitel 01) Formen-Lehre anhand von vielen Beispielen ausführlich behandelt.

EXKURS         :       KNG-Kongruenz

 

Was bedeutet der Begriff KNG-Kongruenz?

Dir ist vielleicht schon mal der Satz Das Substantiv muss in Kasus, Numerus und Genus mit seinem Bezugswort übereinstimmen. begegnet ?!

KNG-Kongruenz heißt Kasus-Numerus-Genus Kongruenz;Kasus heißt Fall (Nominativ / Genitiv / Dativ / Akkusativ / Ablativ), Numerus heißt Anzahl (Singular / Plural), Genus heißt Geschlecht (m / f / n) und Kongruenz heißt Übereinstimmung.

Die Kongruenz bezieht sich allerdings nicht nur auf das Substantiv (Hauptwort), sondern auch auf alle anderen Wort-Arten. Zu denen gehören auch noch die Adjektive (Eigenschaftswort), Pronomina (Fürwort) und die Numeralia (Zahlwort). Die Kongruenz bezieht sich aber nicht nur auf die Deklination der vorgenannten Wort-Arten, sondern auch die Konjugation der Verben. Dort ist die Kongruenz allerdings ein bisschen einfacher und überschaubarer. Da es bei der Konjugation keinen Kasus gibt, kommt nur eine Kongruenz in Numerus und Genus in Frage, das heißt, die konjugierte Verb-Form wird an das Subjekt, das Singular oder Plural sein kann, angeglichen. Das Genus ist insofern interessant, da das Subjekt entweder maskulin, feminin oder neutrum sein kann, jeweils im Singular oder Plural. Tauchen zwei Bezugswörter unterschiedlichen Genus auf, von denen mindestens 1 maskulin ist, zählt immer das maskuline Genus. Dies trifft im Lateinischen z.B. im Passiv zu, und zwar in den analytischen (zusammengesetzten) Tempora (Zeiten) Perfekt, Plusquamperfekt, jeweils im Indikativ und Konjunktiv, und beim Futur II.

 

 

Wie sieht die Kongruenz jetzt in der Praxis aus?

 

Puellae pulchrae sunt.

Die Mädchen sind schön.

 

Das Substantiv „puellae“ steht im Nominativ Plural (f) und ist Subjekt des Satzes. Also müssen Ergänzungen, die sich auf „puellae“ beziehen, ebenfalls im Nominativ Plural (f) stehen. „pulcher (m) / pulchra (f) / pulchrum (n)“ muss im Nominativ Plural (f) stehen; die entsprechende Form lautet „pulchrae“.

Zudem findet eine Kongruenz zwischen dem Subjekt „puellae“ und der Verb-Form „sunt“ statt. Die Verb-Form muss im Plural stehen, da das Bezugswort „puellae“ ebenfalls Plural ist.

 

Discipuli eae scholae seduli sunt.

Die Schüler dieser Schule sind fleißig.

 

Das Substantiv „discipuli“ steht im Nominativ Plural (m) und ist Subjekt des Satzes. Also müssen Ergänzungen, die sich auf „discipuli“ beziehen, ebenfalls im Nominativ Plural (m) stehen. „sedulus (m) / sedula (f) / sedulum (n)“ muss im Nominativ Plural (m) stehen; die entsprechende Form lautet „seduli“.

eae scholae“ ist ein Genitiv-Attribut zu „discipuli“, dessen Nominativ „ea schola“ lautet. Das Pronomen „is (m) / ea (f) / id (n)“ muss in Kasus, Numerus und Genus an „scholae“ angeglichen werden. Da „scholae“ Genitiv Singular (f) ist, muss das Pronomen auch im Genitiv Singular (f) stehen; die entsprechende Form lautet „eae“.

Zudem findet eine Kongruenz zwischen dem Subjekt „discipuli“ und der Verb-Form „sunt“ statt. Die Verb-Form muss im Plural stehen, da das Bezugswort „discipuli“ ebenfalls Plural ist.

 

 

 

Puellae et pueri cari sunt.

Die Mädchen und die Jungen sind lieb.

 

Die Substantive „puellae“ und „pueri“ stehen im Nominativ Plural (f / m) und sind Subjekte des Satzes. Also müssen Ergänzungen, die sich auf „puellae“ und „pueri“ beziehen, ebenfalls im Nominativ Plural stehen. „carus (m) / cara (f) / carum (n)“ muss im Nominativ Plural stehen; die entsprechende Form lautet „cari“. Obwohl ein Subjekt des Satzes feminin ist, muss die maskuline Form stehen, da mindestens ein Teil des Subjekts maskulin ist.

Zudem findet eine Kongruenz zwischen den Subjekten „puellae“ und „pueri“ und der Verb-Form „sunt“ statt. Die Verb-Form muss im Plural stehen, da die Bezugsworte „puellae“ und „pueri“ ebenfalls Plural sind.

 

Hostes multas casas incenderunt.

Die Feinde haben viele Häuser angezündet.

 

Das Substantiv „hostes“ steht im Nominativ Plural (m) und ist Subjekt des Satzes. Also müssen Ergänzungen, die sich auf „hostes“ beziehen, ebenfalls im Nominativ Plural (m) stehen. In diesem Satz gibt es diese aber nicht. Stattdessen steht ein Akkusativ-Objekt im Plural im Satz, nämlich „multas casas“. Also müssen Ergänzungen, die sich auf „casas“ beziehen, ebenfalls im Akkusativ Plural (f) stehen. „multus (m) / multa (f) / multum (n)“ muss im Akkusativ Plural (f) stehen; die entsprechende Form lautet „multas“.

Zudem findet eine Kongruenz zwischen dem Subjekt „hostes“ und der Verb-Form „incenderunt“ statt. Die Verb-Form muss im Plural stehen, da das Bezugswort „hostes“ ebenfalls Plural ist.

Das Verb „incendere“ ist ein transitives Verb, das heißt, es benötigt ein obligatorisches Akkusativ-Objekt. Das hat allerdings nichts mit Kongruenz, sondern etwas mit der Rektion des Verbs zu tun.

 

 

Man muss in einem lateinischen Satz immer die Bezüge untereinander herstellen, um dann die jeweiligen Formen richtig zu bestimmen.

Mehr dazu sieh in Kapitel 02) Satz-Lehre, Punkte F) Übersetzungsmethoden und G) Satz-Analyse!